Hans-Ulrich Grimm: Echt künstlich
Verstörend sind überwiegend die Bücher des Hans-Ulrich Grimm, jedenfalls für den gutgläubigen Konsumenten. Damit ist nicht der Konsumtrottel gemeint, der stört sich an gar nichts, wenn es nur billig ist. Grimm ist ein Journalist von der investigativen Sorte, und was er gründlich untersucht, das sind die Produkte der Nahrungsmittelindustrie, über die wir uns alle noch viel zu viele Illusionen machen.
schrieb Wolfram Siebeck 2004 in der ZEIT über den ehemaligen SPIEGEL-Redakteur Grimm, der vielen von seinem Buch Die Suppe lügt. Die schöne neue Welt des Essens ein Begriff ist, oder Haustierbesitzern vielleicht auch durch seine Auseinandersetzung mit Masterfoods (dem Hersteller der meisten Marken-Tierfutter in Deutschland), wie hier im Interview mit der taz zu lesen ist.
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Hans-Ulrich Grimm: Echt künstlich
nun nimmt sich der Journalist wieder einmal sein Lieblingsthema vor, die Zusatzstoffe in Lebensmitteln, genauer, alles was eine E-Nummer hat.
Der “reine” Prosa-Buchteil umfasst dabei nur etwa 70 Seiten, während die übrigen zwei Drittel des Buches eine nach Nummer sortierte kommentierte Erläuterung aller Lebensmittelzusatzstoffe mit E-Nummer sind. Wer schon Bücher von Grimm gelesen hat, kennt viele der Dinge, die er hier zusammenträgt aus der schönen neuen Welt der Geschmacksfälschung und Aromen, aber auch hartgesottene Kundige des lebensmittelrechtlichen Grauens finden noch Details, die ihnen das Fertigfutter im Halse stecken bleiben lassen.
Grimm erklärt das kleine Einmaleins all derer, die Aromen und Geschmacksverstärkern, Binde-, Konservierungs- und Säuerungsmitteln, Farbstoffen und Süßungsmitteln schon immer skeptisch gegenüber stehen. Er erklärt warum Fertignahrung (und ihre miserable Deklaration) für Allergiker ein Risiko darstellt, warum nicht immer die Dosis das Gift macht, er lässt uns einen Blick auf kumulierte Wechselwirkungen von Zusatzstoffen werfen (die sich potenzieren statt sich zu addieren) und stellt das Theorem von der “akzeptablen täglichen Dosis” von Substanzen auf den Prüfstand. Grimm zeigt seinen Lesern, wo die tatsächlichen Gefahren von künstlichen Nahrungsmitteln für den menschlichen Körper liegen, für welchen Geruch und Geschmack wichtige Orientierungskriterien bei der Nährstoffzufur darstellen, die damit ausgehebelt werden.
Wie sagte Johann Lafer kürzlich so schön in seiner Sendung Lafer: einfach kochen! : “Die Leute müssen lernen dass sie nichts kaufen dürfen wo E-Nummern hintendrauf stehen.” Besser kann man es nicht zusammenfassen.
Aufschlußreich ist auch, wie die Produzenten von Zusatzstoffen, vor allem von Geschmacksverstärkern, sich Fachkonferenzen und Wissenschaftler finanzieren, die dann die Unbedenklichkeit ihrer Produkte vollkommen unabhängig und neutral beurteilen – ein Schelm wer Böses dabei denkt.
Die Gefahren von Aspartam (und die Tatsache, dass 50 % aller Studien, bzw. 92% aller nicht von der Aspartam-Industrie bezahlten Studien diese belegen) führt Grimm ebenso aus wie das Problem der allgegenwärtigen Zitronensäure, die den Zahnschmelz zerstört. Zitat:
Die Experten des Institutes (Bundesamt für Riskobewertung) konnten bei Zitronensäure in der gesamten wissenschaftlichen Literatur einfach keine unschädliche Dosis finden.”
Zitronensäure fördert darüber hinaus die Bleiaufnahme im Körper sowie die Aufnahme von Aluminium, das wiederum an Alzheimer- und Parkinson-Erkrankungen beteiligt sein könnte (und nach letzten Erkenntnissen auch an Brustkrebs).
Sie forderten Warnhinweise auf allen Produkten die Zitronensäure enthalten – und das sind nicht wenige. Aber die Industrie fand das gar nicht gut, deswegen ist das Thema nun still und leise vom Tisch…
Auch der Unwillen gerade der deutschen Regierung, nötige Daten über den Zusatzstoffkonsum der Deutschen zu erheben, wie von der EU gefordert und in anderen Ländern längst umgesetzt, spricht Bände.
So ist das Fazit dieses kurzen Buchs, dessen Info-Teil zum Thema E-Nummern auch bei Dr. Watson – Der Food-Detektiv online verfügbar ist, für mich, dass es selbst mir als informierter Verfechterin guter Qualität noch über einiges die Augen geöffnet hat und ich nun noch bewusster einkaufen gehe.
Es ist keine schöne Lektüre, aber eine aufschlußreiche und wichtige – empfehlenswert.
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